In den letzten Wochen durfte ich einige Gespräche mit Autor:innen zum Thema Literaturagentur führen. Dabei bin ich vor allem bei denjenigen, die vielleicht noch nicht so viel Erfahrung in der Buchbranche haben, darauf aufmerksam geworden, dass Literaturagenturen vielleicht aus der falschen Perspektive betrachtet werden. Dies ist ein Versuch, die richtige Brille aufzusetzen, indem ich immer wieder genannte Gründe gegen eine Zusammenarbeit mit Literaturagenturen unter die Lupe nehme.
Disclaimer: Diesen Beitrag schreibe ich nicht in meiner Funktion als Literatur-Scout, sondern als Autorin, die bereits bei ihrer 5. Literaturagentur ist und ab 2026 bei großen Verlagen veröffentlicht.
Inhaltsverzeichnis
Zeitverlust durch Literaturagentur?
“mit Agentur dauert es so viel länger zum Verlagsvertrag” oder “Ich nehme lieber den direkten Weg zum Verlag”
Diese Perspektive vernachlässigt Folgendes:
Eine Agentur bringt einen nicht zu “einem” Verlag, sondern zu einem der großen Publikumsverlage – also zu einem Verlag, an den man ohne Agentur nur schwer bis gar nicht gelangt. Die Wege “mit/ohne” Agentur sind deshalb allein schon vom Resultat her nicht gleichwertig.
Der Grund, warum es “länger” zum Vertrag dauert, hat daher auch wenig mit der Agentur zu tun, sondern dass große Verlage insgesamt länger zum Prüfen brauchen als andere. Ohne Agentur darf man sich auf umso längere Wartezeiten und geringere Rückmeldechancen einstellen.
Die Literaturagentur als Filter?
“Ich mag es nicht, dass dann alles über die Agentur läuft. Ich bin lieber direkt mit dem Verlag in Kontakt.”
Diese Perspektive vernachlässigt Folgendes:
Eine Literaturagentur ist in erster Linie dein Stellvertreter, und das ist in den meisten Fällen nur von Interesse für dich. Schon allein, weil eine Literaturagentur *nicht du* ist, ist es deutlich leichter für sie, Konditionen für dich zu verhandeln (ggf. mit der erforderlichen Härte). Sollte es während der Zusammenarbeit zu Schwierigkeiten kommen, steht eine (gute) Literaturagentur für dich ein und führt die ggf. notwendigen unangenehmen Diskussionen für dich. Im Optimalfall sind sie der bad cop, damit du weiterhin “good” dastehst.
Hohe Kosten durch Literaturagentur?
“Agenturen nehmen so viel Geld von einem”
Diese Perspektive vernachlässigt folgende Punkte:
Agenturen arbeiten primär gratis, solange kein Verlagsvertrag durch sie zustande kommt, und bekommen erst im Erfolgsfall 15-20 % deiner Tantiemen. Ich denke, wir sind uns einig, dass Agent:innen auch hart arbeitende Menschen sind, denen man gönnen kann, für ihre Arbeit bezahlt zu werden.
Nicht zuletzt, weil es sich für Autor:innen auch bezahlt macht.
- über die Vermittlung an große Verlage mit potenziell hohen Vorschüssen und/oder Absatzerwartungen
- über die Verhandlung von Vorschüssen (mein letzter Vorschuss wurde z. B. um 18 % hochgehandelt vs. 15 % Agenturprovision)
- über die Verhandlung der Konditionen (= dass du mehr % von Buchverkäufen bekommst, was sich über Jahre hinweg positiv auswirken wird)
Außerdem solltest du im Kopf behalten, dass eine Agentur weitaus mehr macht, als dein Buch an Verlage zu schicken.
Hart, aber wahr: Autorinnen ohne Agentur laufen prinzipiell Gefahr, insgesamt schlechter dazustehen als mit Agentur.
Ein Vertrag, den ein Verlag jemandem ohne Agentur vorliegt, wird immer möglichst vorteilhaft für den Verlag formuliert sein, was meist auch bedeutet: Relativ schlecht für dich. Natürlich kann man versuchen zu verhandeln, aber ohne Agentur stehen die Chancen schlechter, dass man sich darauf einlässt. Wie oft hatte ich schon den Fall, dass ich relativ kleine Änderungen an einem Verlagsvertrag haben wollte, woraufhin der Verlag sagte: “Nein☻”. Dann konnte ich nur noch zusagen oder ablehnen. Friss oder stirb.
Mit einer Agentur ist es sehr unwahrscheinlich, in so eine Situation zu kommen, v.a. wenn die Agentur die Partei ist, die den Vertragsentwurf formuliert.
Die Zusammenarbeit mit einer Agentur wird also nicht dafür sorgen, dass du „Verluste“ einfährst. Erstens kommst du an lukrativere Verträge bei größeren Verlagen. Zweitens erhältst du bessere Konditionen und Vorschüsse. Und drittens kannst du dir von Anfang an eher eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe (oder zumindest mit Support im Rücken) erhoffen, was man vielleicht nicht in Geld messen kann, aber dennoch von unschätzbarem Wert ist.
Der einzige Grund, sich für oder gegen Literaturagenturen im Allgemeinen zu entscheiden
All diese oben genannten Punkte zeigen mir vor allem, ob jemand sich wirklich schon genug Gedanken gemacht hat, wo er oder sie tatsächlich hin will. Denn im Kern wurzeln all diese Punkte in dasselbe Phänomen: etwas doch nicht so sehr zu wollen, wie man glaubt. Die allerwichtigste Frage bei der Entscheidung für oder gegen eine Literaturagentur ist:
Will ich realistische Chancen haben, zu guten Konditionen bei einem der großen Publikumsverlage unterzukommen?
Wenn das ohnehin nicht dein Ziel ist, brauchst du keine Literaturagentur. Wenn aber doch, ist der Weg über die Literaturagentur der einzige realistische Weg dorthin.
Zusätzlich halten (gute) Literaturagenturen noch weit mehr Chancen für einen bereit:
- Vermittlung von Neben-, Auslands- und A/V-Rechten (Filmrechte!)
- Möglichkeit, Projektverträge zu schließen, sodass man mit anderen Projekten immer noch flexibel ist (Selfpublishing usw.)
- Einen kompetenten und erfahrenen Partner, der einen aktiv bei der Karriere unterstützt
Wenn also jemand sagt, mit Agenturen „dauert es zu lange“ oder sie „wollen zu viel Geld“, bedeutet das schlichtweg, dass man wohl doch nicht so gern bei großen Verlagen veröffentlichen will, wie man sich selbst oder andere glauben machen möchte. Denn der erste Schritt ist es, zu verstehen, welchen Weg man dafür beschreiten muss. Viele suchen trotzdem verzweifelt nach „schnelleren“ oder „besseren“ Wegen – aber das ist im Kern nichts als Augenwischerei. Sicherlich haben es auch schon Autor:innen ohne Agentur zu den großen Verlagen geschafft, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Arbeit der Agentur nicht nur aus reiner Vermittlung besteht, sollte jedem eines klar sein: Der vernünftigste Weg führt am Ende doch immer über Literaturagenturen.
